Schein und Spiegelung – ein Relationspositionsprojekt

Das 8. internationale themenspezifische und spartenübergreifende Ausstellungsprojekt 2017-2019

Katalogtext zur Ausstellung ‚Schein und Spiegelung‘, Elisa Asenbaum, Oktober 2018

Helga Wimmer beschäftigt seit Jahren der Themenbereich Zeit und die Wahrnehmung von Zeit, deren Verortung im Raum, die Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft und deren Vermischung im Bewusstsein des Menschen. Das Erinnern, das ‚Festhalten‘ von Zeit ist ein sehr wandelbares Heer von ‚Kernerinnerungen‘ so wie es der Neurowissenschaftler Eric R. Kandel in seinem Buch Auf der Suche nach dem Gedächtnis (2009) beschreibt.

Schriften, Bücher und gemalte Bilder wurden früher als Medien verwendet, um Geschichte zu dokumentieren und Wissen zu überliefern, heute dienen Fotografie, Film sowie digitale Daten und Aufnahmematerialien ebenso als Dokumentationsmedien.

In der Arbeit ‚Vor und hinter der Zeit – Zeitbilder und Zeiträume‘ werden Bilddokumente verschiedener Zeiten von ein und demselben geschichtsträchtigen Ort verschmolzen. Ausgangspunkt sind die Bild- und Textdokumentationen, die in einem Schaukasten der Gedenkstätte ‚Zeichen der Erinnerung‘ in Stuttgart präsentiert werden. Sie zeigen Deportierte eines Sammellagers, die im Jahr 1941 nach Riga transportiert wurden. Die Künstlerin setzt die Spiegelung auf den Glasplatten der Schaukästen als Transporteur für die Thematik ein, denn das zeitgleich durchscheinende wie spiegelnde Material Glas verbindet Bilder der Vergangenheit und Gegenwart. So überlagern sich die monochromen Bilder der Vergangenheit mit den farbigen Spiegelbildern des Moments der Aufnahme und verweben sie zu einer neuen Bildebene. In der Spiegelung fusioniert der festgehaltene Augenblick der Gegenwart – Häuser, Schienen oder spazierende Frauen – mit den Bildern von Menschen aus der Vergangenheit und erschafft einen neuen gemeinsamen ‚Zeitraum‘.

Wimmers Installation besteht aus einem kleinen, dreidimensionalen Würfel aus Glas und Metall und einer größeren, zweidimensionalen Mantelfläche eines Würfels, ausgebreitet an der Wand, wobei eine Fläche in den Raum ragt. Drei der quadratischen Flächen tragen Fotografien, drei davon sind ’noch unbeschrieben‘. Die Künstlerin deutet die weißen Flächen als ‚leere Reflexionsflächen, die die Arbeit in den dreidimensionalen Raum als Zeit-Würfel weiter transportieren sollen. Die weißen, leeren Flächen stehen stellvertretend für die Räume, die jenseits unserer Vorstellungskraft und der für uns erlebbaren Dimensionen liegen‘. Der Wechsel der räumlichen Dimensionen ist als formale Metapher für die Transformation zu verstehen.

Erinnerungen haften oft einem Ort an. Das menschliche Bewusstsein verknüpft vielfach das Erlebte an das Örtliche: So tauchen oft längst vergessenen Erinnerungen wieder auf, wenn man sich an den Ort begibt, an dem man sie erlebt hat. ‚Vor und hinter der Zeit – Zeitbilder und Zeiträume‘ reflektiert aber über das Leben einer Generation hinaus und berührt thematisch die Grenze zwischen Leben und Tod. Durch die Spiegelungen vermischen sich die Bilder von derzeit lebenden Personen mit den Bildern von Verstorbenen und erschaffen gemeinsam eine Betrachtungsebene, in der die Vergangenheit und die Gegenwart zusammenkommen. Der gesellschaftlich-kritische Aspekt der Arbeit ergibt sich aus dem aufgegriffenen Ort, an dem die Grausamkeiten, die insbesondere jüdische Menschen trafen, anhaften und in das Jetzt hinein spiegeln. Eine Mahnung, denn Abgründe menschlichen Verhaltens können sich jederzeit wieder auftun.

Vor und hinter der Zeit